Login

Willkommen am OHG Karlsruhe, dem Gymnasium mit Sprach-, NwT- und Sportprofil!

   

Rückblick auf den Vortrag von Prof. Dr. Joachim Nagel

Prof. Dr. Joachim Nagel ist heute Mitglied des Vorstandes der KfW-Bankengruppe. Als er im Jahr 1985 am Otto-Hahn-Gymnasium sein Abitur machte, war er auch schon Leiter: Ressortleiter – im Finanz-Ressort unserer SMV. Das ist jetzt 34 Jahre her.

Er ist in der Waldstadt groß geworden, so dass seine Mutter, Tante, Freunde und Familie am Vortragsabend  im Publikum saßen. Der heutige Professor erinnert sich schmunzelnd an seine Schulzeit, die er in guter Erinnerung hat. „Ich hatte hier eine gute Zeit mit guten Lehrern und guten Mitschülern… Da kommen so viele Erinnerungen hoch“, sagt er und gibt zu, „auch schlechte.“ Denn hinten links sitzt Herr Fischer, bei dem er damals in Physik eine Klausur verhauen hat. Das alles erzählt er mit einem Augenzwinkern, denn was er damals oft zu hören bekommen hat, er könne viel mehr als er hier zeige, hat sich schließlich bewahrheitet.

Klar ist von Anfang an seine Haltung zu Europa und zur EU: „Deutschland muss froh sein, dass es die EU gibt.“ Um das zu erklären beleuchtet er Fakten und Hintergründe, die heute nicht mehr Allgemeinwissen sind. Die Bank, für die er inzwischen arbeitet, die KfW oder „Kreditanstalt für Wiederaufbau“, wurde ursprünglich gegründet, um Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufzubauen. Das geschah unter anderem mit Geldern aus dem „European Recovery Fund“. Ohne Europa wäre es also mit unserer Wirtschaft nicht so steil bergauf gegangen. Dann eine Krise ganz anderer Art: Just zu der Zeit, als die „Lehman Brothers“-Bank Insolvenz ankündigen musste, leitete Nagel den Krisenstab. Den Krisenstab, der dann einen Weg aus der daraus resultierenden Finanzkrise finden musste. Er als Insider weiß: „Ohne Europa hätte es wesentlich höhere Kollateralschäden gegeben.“

Das Ziel der Finanzmärkte ist seither Stabilität und Vertrauen wiederzugewinnen. Sein Ziel ist, diese zugegebenermaßen abstrakten Zusammenhänge allen Zuhörerinnen und Zuhörern anschaulich und klar zu machen, und das nicht nur bei uns am OHG, auch wenn er an Tagen wie dem des „black swan“ vor die Juristen treten musste. Der „schwarze Schwan“, erklärt Nagel, ist ein Ereignis, das es eigentlich nicht geben dürfte, das aber dennoch eingetreten ist. Hier wie da greift er gerne zu einer Anekdote und lässt nicht locker, bis er ein einleuchtendes Bild hat. Die Wahrscheinlichkeit dieses Ereignisses, so rechnete ihm seine Assistentin schließlich aus, sei so hoch gewesen, wie wenn jeder der Herren Juristen fünf Mal vom Blitz getroffen worden wäre, das überlebt und am Samstag darauf den Lotto-Jackpot geknackt hätte. Diese „Zahlen“ verstehen viele.

Wann die Finanzkrise überstanden sein wird, dazu wagt Nagel keine Prognose. Nachdrücklich weist er aber darauf hin, dass die anstehende Europa-Wahl richtungsweisend nicht nur für die Politik in Europa, sondern auch für den Finanzsektor werden könnte. Anschaulich stellt er dar, wie Europa in den 34 Jahren seit seinem Schulabschluss – im Banker-Jargon – „performt“ hat, zu Deutsch: es hat gehalten, was es versprochen hat. Die EU ist in beeindruckendem Maße gewachsen, zeigen seine Karten, die er sich hat anfertigen lassen. Der Wert des Euro, der einem, wenn man die Nachrichten verfolgt, immer so „wackelig“ erscheint, macht nach den akkuraten Aufzeichnungen der Banken nicht mehr Schwankungen durch als die „gute alte D-Mark“ – tatsächlich sehen die Kurven in der Power-Point-Präsentation fast gleich aus. Und mit Europa im Rücken kann eine Förder-Bank wie die KfW weit über die Grenzen hinaus wirken. 120 Tage im Jahr, erzählt Nagel, sei er in der ganzen Welt unterwegs und betreue verschiedenste Projekte. Zwei Filme zeigt er: Einer gibt Einblick in Zaatari, das weltgrößte Flüchtlingslager in Jordanien, in dem mit Krediten der KfW die Trinkwasser- und Stromversorgung finanziert sowie Kinderbetreuung gefördert wird. Es ist ihm wichtig zu betonen, dass er mit den Menschen vor Ort  gesprochen und gehört hat, dass die 80.000 Bewohner nach eigener Aussage fast alle darauf warten, wieder nach Hause, nach Syrien, zurückkehren zu können – und nicht, wie manche Parteien hier behaupten, alle nach Deutschland und Europa auswandern wollen. Der zweite Film zeigt Aufnahmen vom zweitgrößten Plastikmüllverursacher der Welt: Indonesien. Dagegen ist selbst die am schlimmsten vermüllte Autobahnabfahrt in Deutschland ein grünes Paradies.

Ob das dann aber nicht wieder kolonialistische Tendenzen hat, wenn wir Europäer da hingehen um Abhilfe zu schaffen, frage ich ihn. „Nein“, sagt er gelassen und erklärt: „Wir nennen das gar nicht mehr 'Entwicklungshilfe'. Wir nennen es 'Entwicklungszusammenarbeit'. Wir sprechen auf Augenhöhe mit den Menschen und Behörden vor Ort.“ Die Banken tragen die finanziellen Risiken großer Projekte und die KfW-Bank kann das mit Bund und Ländern im Rücken auf lange Sicht tun, kann viel länger warten, bis die Rendite kommt. „Wenn es in Indonesien Deponien, Mülltrennung und Recycling gibt, schwimmt am Ende weniger Plastik in unser aller Meeren.“ Ich denke mir, Greta Thunberg wäre an diesem Abend zufrieden gewesen.

gw       05/2019          Foto: A. Ramin

 
   
© Otto-Hahn-Gymnasium Karlsruhe, Gymnasium mit naturwissenschaftlichem, sprachlichem Profil und Sportprofil