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Freitag, 20. Dezember 2019, 8 Uhr 15, Weihnachtsgottesdienst.

Eine Schülerin schlappt durch den Mittelgang der voll besetzten St. Hedwig-Kirche, den Blick stier auf das Handy gerichtet, als sei gerade eine sehr spannende Nachricht angekommen. Bevor ich aufstehen kann, um sie zurechtzuweisen, betritt sie selbstbewusst die Stufen zum Altarraum, dreht sich zur versammelten OHG-Gemeinde und erklärt, was es für sie heißt, Mensch zu sein.

Nicht dauernd unter Stress stehen. Nicht so viel für die Schule machen müssen, dass man keine Freunde mehr sehen und nicht einmal am Wochenende ausschlafen kann. Da spricht sie nicht nur den Schülerinnen und Schülern aus dem Herzen. Ich bleibe sitzen: dieser „Auftritt“ gehört zum Programm.
Das Motto des Weihnachtsgottesdienstes 2019 klingt zunächst paradox: „Mach's wie Gott, werd' Mensch!“. Aber die Christen glauben, dass Gott das vor etwa 2019 Jahren wirklich getan hat. Die Ironie besteht darin, dass wir uns zu etwas Göttlichem aufschwingen sollen, um das zu werden, was wir doch eigentlich schon längst sind – oder sein sollten.In diesem Gottesdienst wird reflektiert, was das eigentlich heißt: ein Mensch sein. Im Alltag scheint es uns klar. Die Schülerin, die noch vor einer Minute außer ihrem Smartphone nichts wahrzunehmen schien, erzählt, dass sie sich besonders dann als Mensch fühlt, wenn sie beim Weihnachtsbasar mitmacht. Und zwar nicht, weil das Basteln Spaß macht oder weil sie die Gemeinschaft genießt, sondern weil sie sich damit für andere einsetzt, denen es nicht so gut geht.

Machen Sie sich nichts draus, ich musste auch erst nachdenken: 20% des Erlöses der Verkaufsstände gehen über die SMV an das Waisenhaus „Bom Retiro“ in Rio de Janeiro. Was dem einen als lästige Abgabe erscheinen mag, ist dieser jungen Frau Motivation. Da würde ich ihr das mit dem Handy auch verzeihen, wenn es echt gewesen wäre. Und wenn sie sich dann wünscht, Mensch sein zu dürfen, ohne etwas leisten zu müssen, da bin ich ganz bei ihr.

Von den vier Menschen, die im Anspiel auftreten, hat nur eine ganz anders gelagerte Probleme: die Uroma, die nicht mehr gut zu Fuß ist. Die erinnert sich nämlich an eine Zeit, in der sie fast nichts hatten. Obwohl das schlimm klingt und sicher auch schlimm war, erinnert sie sich fast wehmütig an diese Zeit, weil sie aus dem Wenigen, das es gab, das Beste machten: „Wir saßen immer beisammen, haben erzählt, gespielt, gelacht und hatten immer so eine schöne Gemeinschaft“. Also vielleicht doch nicht so viele Sachen kaufen, zu Weihnachten und das ganze Jahr über?
Zumindest helfen Anschaffungen selten beim Menschwerden. In der Predigt leiten Frau Michels und Frau Wagner das alte Wort „Gnade“ denn auch von „gratia“ ab und erklären, es sei verwandt mit dem Wort „gratis“. Gottes Gnade, Gottes Liebe, ist „gratis“ und wir alle sind die Beschenkten.
Nun, „gratis“ und „beschenkt werden“ hören wir alle gerne. Nur wie komme ich jetzt an dieses Angebot? Indem ich tue, was die Urgroßmutter vorschlägt: wenn sie ihren Urenkel hütet und spürt, dass sie gebraucht wird. Indem ich tue, was die Schülerin vorschlug: mich für andere einbringen. Und das ist oft einfacher, als man denkt.
Das tun Herr Hartmann und Herr Rigg, in dem sie auch in diesem Jahr den Weihnachtsgottesdienst mit E-Piano und Gitarre begleiten. Das tun die mitwirkenden Schülerinnen und Schüler, die unter Leitung von Frau Wagner und Frau Michels den Gottesdienst vorbereitet und gestaltet haben. Im Gottesdienst selbst tun es alle, die den Fürbitten folgen und mitbeten: für die, „die in den Mühlen des Alltags verfangen sind und sich doch so sehr nach Ruhe sehnen“, für die, „die enttäuscht wurden“, „deren Arbeit unsicher ist“, für die, „die krank sind“, aber auch für alle, „die Angst um ihr Leben haben“. In manche Wünsche fühle ich mich eingeschlossen, bei den anderen bin ich froh, diese Probleme nun nicht gerade zu haben. In diesem Gottesdienst antwortet die Schulgemeinde aber nicht nur mit „Herr erbarme dich“, es gibt vielfältige Wünsche und Bitten an Gott: den Betroffenen ihre Blickrichtung ändern helfen, Hoffnung geben, Wut und Trauer überwinden, Liebe und Geborgenheit schenken, aber auch Freiheit und Offenheit für alles, was kommt. Und das sind alles Dinge, die kann nicht nur Gott. Zu Freiheit und Offenheit sollen auch wir Lehrerinnen und Lehrer erziehen, Liebe und Geborgenheit schenken Eltern, Freunde und Familie, Hoffnung finden manche in der Kirche... Das macht Mut, dass wir angesichts all der Probleme, die an diesem Morgen zur Sprache gekommen sind, aktiv etwas tun können. Die Botschaft des Gottesdienstes ist, wir sollen die Hoffnung nie sinken lassen, „Ja“ zum Leben sagen.
Das haben auch die anwesenden Oberstufenschüler in ersten Reihe gemacht, als um 3 Minuten nach 8 Uhr noch eine Mitschülerin hereinkam und alle Bänke schon voll waren, so dass man unweigerlich an Maria und die Herbergssuche denken musste: sie sind zusammengerückt und haben Platz gemacht. Noch bevor von einem Gottes-Gnade-Gratis-Angebot überhaupt die Rede gewesen war. Und wenn sie auch ein bisschen „auf dem Schnäpperle“ saß, wie man in Baden sagt, so hatte sie, für die die acht Jungs gerückt waren, sicherlich an diesem Tag den schönsten Platz in der Kirche.

S. Guttmann    01/2020       Foto: I. Wagner
 

 
   
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